(Fachartikel): Die Bedeutung der Luftdichtung für Passivhäuser

Worauf es ankommt und was außer dem Blower-Door-Test wichtig ist

Von Holger Merkel

Luftdichtung schützt bei Kälte vor Winterkondensat, generell ist die dichte Gebäudehülle die Basis für eine funktionierende und behagliche Wärmedämmung eines Gebäudes. Der Passivhaus-Standard hat hohe Anforderungen an die Luftdichtheit, dennoch können auch kleine Ungenauigkeiten zu großen Bauschäden führen. Dieser Artikel zeigt, warum es für Planer, Energieberater und Handwerker entscheidend ist, ein Luftdichtheitskonzept zu erstellen, detailgenau zu planen und umzusetzen. Außerdem erklärt dieser Artikel, warum ein hervorragender n50-Wert bei einer Blower-Door-Messung keine Garantie für eine dauerhaft funktionierende Gebäudehülle ist.

Der Blower-Door-Test ist wesentlicher Bestandteil beim Bau eines Passivhauses. Doch nicht nur der n50-Wert zählt.

Das Passivhausinstitut definiert für Passivhäuser fünf entscheidende Kriterien: Wärmedämmung, Passivhausfenster, Lüftungswärmerückgewinnung, Luftdichtheit und Wärmebrückenfreiheit. Die Luftdichtheit spielt hier eine herausragende Rolle für die Funktion der restlichen Kriterien. Schon 1989 wies das Institut für Bauphysik in Stuttgart nach, dass sich bereits bei einer Fuge von 1mm der Wärmeverlust um das nahezu Fünffache erhöhen kann.

Eine Fuge von 1mm Breite und 1 m Läge in der Konstruktion sieht zwar klein aus, hat aber eine große Wirkung. Wärmeverluste steigen auf das 4,8- fache. Zudem kann bis zu 0,8 Liter an Feuchtigkeit innerhalb eines Tages in die Konstruktion eindringen. Quelle: MOLL pro clima

Die Luftdichtheit wird mit der Blower Door-Messung überprüft. Der Grenzwert für ein Passivhaus liegt mit einem Luftwechsel von 0,6 pro Stunde bei 50 Pascal weit unter den gesetzlich geforderten 1,5 bei einem Gebäude mit Lüftungsanlage.

Leckagesuche ist auch bei guten Messwerten Pflicht

Doch Vorsicht: Viele setzen einen guten Wert beim Blower-Door-Test mit Bauschadensfreiheit gleich. In Wirklichkeit können auch kleine Leckagen an den falschen Stellen zu Schäden bis hin zu Schimmel und Verlust der Tragfähigkeit führen.

Daher ist auch bei sehr guten Werten eine akribische Leckagesuche Pflicht. Das bedeutet ebenso dass der Suchende über ausreichend Bauwissen und Detailkenntnis der gebräuchlichen Konstruktionen verfügen muss. Jede Bauweise hat ihre spezifischen Schwachstellen, was die Luftdichtheit anbelangt. Was beim Ziegelmauerwerk die Hohlräume und Stoßfugen der Steine sind, betrifft beim Holzbau die Anschlussdetails oder auch die Stöße von Brettstapelelementen.

Leckagesuche sinnvoll nach Fertigstellung der Luftdichtheitsschicht

Was den Zeitpunkt der Messung anbelangt, scheiden sich die Geister: Energieeinsparverordnung, Blower-Door-Norm DIN EN 13829 und KfW fordern die Messung im fertigen Zustand. Das Passivhausinstitut empfiehlt die Messung nach Fertigstellung der eigentlichen Luftdichtheitsschicht, wenn Fehlstellen noch ohne größeren Aufwand nachgebessert werden können. Da viele Leckagen während des weiteren Ausbaus produziert werden, liegt die Wahrheit diesmal ausnahmsweise nicht in der Mitte, sondern in der Kombination: baubegleitende Leckagesuche und abschließende Messung nach Fertigstellung.

Leckagesuche ist auch bei guten n50-Werten essentiell. Zur Sichtbarmachung und Dokumentation wird ein Anemometer eingesetzt. Dieses zeigt die Luftströmung in m/s an. Die meisten sind bei Unterdruck gut mit der Hand fühlbar. Zur genauen Lokalisierung wird auch oft Nebel eingesetzt.

Eine Blower-Door-Messung darf in Deutschland übrigens jeder ausführen, auch ohne entsprechende Ausbildung. Hinzu kommt, dass man laut Norm nur große Leckagen protokollieren muss, was immer das auch sein mag. Eine weitere Definition findet sich leider nicht. Deswegen hat der FLiB – Fachverband für Luftdichtheit im Bauwesen – ein Forschungsprojekt initiiert, dessen Ergebnis seit Oktober 2016 online für alle zugänglich ist.

Bewertung von Fehlstellen in Luftdichtheitsebenen – Handlungsempfehlung für Baupraktiker. Der Forschungsbericht des FLiB ist kostenfrei zugänglich: https://www.flib.de/publikationen.php

Bessere Luftdichtheit der Gebäudehülle = weniger Kosten für Anlagentechnik und Dämmung

Die Luftdichtheit eines Hauses wirkt sich direkt auf den Energiehaushalt aus. Schon bei der Berechnung kann der Ersteller des Energiebilanz- und Planungstools PHPP die angestrebte Luftwechselrate unter die 0,6 h-1 senken. Nimmt er zum Beispiel 0,4 h-1 an, senkt sich der Energiebedarf des ganzen Gebäudes. Die Anlagentechnik kann kleiner ausfallen, die Dämmung dünner oder man spart schlichtweg Energiekosten. In diesem Fall muss der Blower-Door-Test aber auch das angestrebte Ziel erreichen.
Es gibt nichts Ermüdenderes bei der Blower-Door-Messung, als wenn der Wert bei 0,7 h-1 stagniert und die wenigen Leckagen nicht gefunden werden können, die zur Erfüllung der vorgeschriebenen 0,6 h-1 fehlen. Erst während einer solchen Suche wird einem bewusst, was so zwei Zehntel ausmachen können.

Dieses Bürogebäude im Raum Karlsuhe lag bei der Qualitätskontrolle mit Blower-Door weit über den Passivhaus-Standard-Anforderungen. Es erreichte bei der Blower-Door-Messung den n50-Wert 0.08h-1. Der Passivhausstandard gibt vor, eine Luftwechselrate von höchstens 0,6h-1. Im PHPP (Passivhaus-Projektierungspaket) ergibt das gegenüber dem erforderlichen Wert von 0,6 h-1 eine Ersparnis beim Heizwärmebedarf von mehr als 22 % (7,76 statt 10 kWh/(m2a))

Fehler zeigen sich oft erst nach Abnahme

Bei dem abgebildeten Bürogebäude in Karlsruhe wurde ein n50-Wert von 0,08 h-1 gemessen. Im PHPP (Passivhaus-Projektierungspaket) ergibt das gegenüber dem erforderlichen Wert von 0,6 h-1 eine Ersparnis beim Heizwärmebedarf von mehr als 22 % (7,76 statt 10 kWh/(m2a)). Nebenbei: Je größer ein Gebäude wird, desto einfacher ist der n50-Wert zu erreichen, da er sich auf das Volumen bezieht. In der Energieeinsparverordnung wird mittlerweile ab 1500 m³ der q50-Wert gefordert, der sich auf die Quadratmeter der Hüllfläche bezieht. Dieser Wert ist etwas schwieriger zu erreichen. Bei Passivhäusern ist allerdings nach wie vor auch bei größeren Gebäuden der n50-Wert gefordert.

Mit Luftdichtheitskonzept Details planen und Schäden vermeiden

Gerade bei energetisch so hocheffizienten Konstruktionen wie Passivhäusern ist ein Luftdichtheitskonzept existentiell. Nur durch Detailplanung und Überwachung der Ausführung können schadensfreie Konstruktionen umgesetzt werden.

Praxisbeispiel: Behaglichkeit sank mit steigendem n50-Wert

Vor 11 Jahren wurden in der Nähe von Karlsruhe 7 Passivhäuser gebaut. Mit einer Luftwechselrate von um die 0,3 h-1 wurde bei allen ein sagenhafter Wert erreicht. Zwei Jahre später klagten die Bewohner über nachlassende Behaglichkeit. Bei der Überprüfung ergab sich ein Wert von 0,6 h-1 pro Stunde. Das erfüllt zwar immer noch die Passivhauskriterien, ist aber gegenüber dem ursprünglich gemessenen Wert schlichtweg eine Verdoppelung. Grund dafür waren die Glasleisten der Kunststofffenster, die sich verzogen hatten, wodurch die Fenster undicht wurden.

Fehlende Abklebung in der Gebäudehülle mit großen Konsequenzen

Hier fehlte die Abklebung der luftdichten Ebene im Übergang Flachdach zu Außenwand unterhalb der Attika.

Die blaue Linie symbolisiert die Luftdichtungsebene, der grüne Winkel die ursprünglich fehlende Abklebung. Diese hätte vor Montage der Attika zum Beispiel als Folienstreifen angebracht werden können. Quelle: MOLL pro clima

Bei folgendem neu gebauten Passivhaus fehlte die Abklebung der luftdichten Ebene im Übergang Flachdach zu Außenwand unterhalb der Attika. Da bei der Montage der Attika aus statischen Gründen ein Teil der OSB-Platte das darunter liegende Wandelement überlappte, wurde die fehlende Abklebung an dieser Stelle nicht bemerkt. Dazu kommt, dass die Beplankungen der Attika beidseitig einen hohen sd-Wert aufwiesen und eingedrungene Feuchte nicht ausdiffundieren konnte. Der Blower-Door-Test war mit einem n50-Wert von 0,55 h-1 zufriedenstellend ‒ auch hier konnte kein Fehler festgestellt werden. Die spür- und messbaren Lufteintrittsstellen waren vorwiegend die Elektroinstallationsdosen im Dachgeschoss. An diesen gab es allerdings nichts auszusetzen, da sie sich vor der Luftdichtheitsebene befanden. Entlang der Brettstapellamellen konnte sich die Luft ihren Weg bis in die Attika bahnen. Die Konsequenz: Nach wenigen Jahren waren die Traghölzer der Attika durchgefault und der gesamte Bereich musste saniert werden.

Die Lösung: Auf das Detail und die Planung kommt es an

Luftdichtung ist Detailarbeit. Die hierfür wesentliche Norm DIN 4108-7 Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden – Teil 7: Luftdichtheit von Gebäuden zeigt in vielen Grafiken typische Anschlussdetails und gibt Hinweise auf Materialauswahl und Verarbeitung. Es sind aber nicht nur die ausführenden Handwerker der luftdichten Ebene gefordert, sondern von der Planung, über jedes einzelne Gewerk bis hin zu Bauleitung und Bauherrschaft stehen alle Baubeteiligten in der Pflicht. Oft wird eine perfekte luftdichte Ebene durch nachfolgende Gewerke oder zusätzliche Ausbaumaßnahmen der Bauherren zerstört. Da hilft auch eine baubegleitende Leckagesuche nicht weiter.

Autor

Holger Merkel: Blower-Door-Messdienstleister, Fachkraft für Differenzdruckmesstechnik (HwK) und Dozent. Mit seinem Team führt er mehr als 400 Messungen im Jahr durch. Er supportet auch andere Messteams mit seinem Wissen. Sein Know-How gibt er in Vorträgen, Seminaren und Blower-Door-Ausbildungen weiter. Neu ist das deutschlandweite 2-Tages-Kompaktseminar, das er mit der TÜV Rheinland Akademie konzipiert hat. Bei airtight-junkies.de berichtet er u.a. über Blower-Door-Tests, Leckagen und aktuelle Anforderungen. bionic3.de/weiterbildung
Alle Blower-Door-Weiterbidlungen auf blowerdoor-spezialisten.de

Links und Quellen

Technische FAQ der KfW: http://tinyurl.com/zt5yl89

Fachverband Luftdichtheit im Bauwesen e.V.: www.flib.de


FLiB-Beiblatt zur DIN EN 1382: http://www.flib.de/presse/2015/04/Meld_Beiblatt13829_4_I.pdf


Normen: 
http://www.beuth.de/de/regelwerke/rgw

Forschungsbericht: Bewertung von Fehlstellen in Luftdichtheitsebenen – Handlungsempfehlung für Baupraktiker: http://procli.ma/7rf3

Gewerkeübergreifendes Arbeiten und Detail für die fachgerechte Ausführung der Luftdichtung: 
https://www.schnittstelle-baustelle.de/

Portal zur Luftdichtheit bei Gebäuden http://luftdicht.de/


Wissen Wiki: www.wissenwiki.de


BlowerDoor GmbH: www.blowerdoor.de


Dieser Fachartikel ist zuert im Passivhaus Kompendium erschienen. Die lektorierte Version mit vielen anderen spannenden Themen
findet ihr auf https://shop.verlagsprojekte.de/Passivhaus-Kompendium/ Hier könnt ihr auch weitere Ausgaben bestellen. Für das Passivhauskompendium 2019, das im Dezember erscheint hat Holger Merkel über folgendes Thema geschrieben: Ungemütlichkeit, Energieverlust und Schäden: Alles vermeidbar, wenn´s richtig dicht ist Neuigkeiten zu Passivhäusern und em Passivhaus Kompendium erfahrt ihr u.a. auf der Webseite des Pasivhaus Kompendiums: https://www.verlagsprojekte.de/passivhaus-news/news-archiv-passivhaus-kompendium.html, auf Facebook https://www.facebook.com/Passivhaus.Komp/ und Twitter https://twitter.com/PassivhausKomp

Habt ihr Fragen zum Artikel? Dann kommentiert ihn unten oder schreibt an holger@airtight-junkies.de Falls Ihr Support für eine Messung benötigt, dann zögert nicht das bionic3-Team zu kontaktieren: Obermühlstraße 7 776756 Bellheim, info@bionic3.de, 0171/706 1344 (Holger Merkel)


Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessern. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.